Wanne-Eickel-Historie


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Nur wegen des kleinen Bärtchens: „Du Hitler?“

Geschichte

Soldaten verstauen die Gardinen vom Direktor


Betriebsführer Böcker gab die Anweisung weiter. „Wir bekommen Einquartierung“, sagte er zu Hauer Anton Steffek. Schlossermeister Alex Lewert, der die Wohnung über der Markenkontrolle hatte, musste zuerst räumen.
Die Wohnung wurde Wachlokal und Unterkunft für zwölf Soldaten und einen Feldwebel. Hauer Steffek und Gastwirt Kokorniak wurden der Wache als Köche zugeteilt.

Die Wache machte sich bald unbeliebt. Sie hatte einen wilden Mann aus Texas dabei, der Bergleute, die zur Schicht gingen, grundlos mit Fußtritten oder mit dem Gewehrkolben traktierte.

Zur Räumung hatten sich die Amerikaner auch das Doppelhaus Königsgruber Straße 20-22 ausgesucht, aus dem die Familie von Bernhard Stemmer, Ernst Grober, Hugo Schmale und Heinrich Potschadel ausziehen mussten.
Das Schema, das bei diesen Maßnahmen angewendet wurde, war immer das gleiche. Markenmeister Grober war gerade zum Mittagessen nach Hause gekommen, als ein Amerikaner die Wohnung betrat und erklärte: „In einer Stunde alle müssen weg sein. Nix mitnehmen, alles dalassen. Nix kommen weg.“

In diesem Falle stimmte es sogar mit dem Versprechen, anderswo ließen die Truppen manches mitgehen. Für die Ausquartierten war die Hauptfrage: „Wo finde ich eine andere Unterkunft?“ Bergwerksdirektor Fröhlich bemühte sich nach Kräften, zu helfen. In seiner Villa an der Königsgruber Straße hatte er im Erdgeschoß bereits selber eine Einquartierung. Er rückte mit seinen Angehörigen noch enger zusammen und nahm auch noch die Eheleute Grober auf. Außerdem blieb noch Platz für Maschinensteiger Fengels.

Grober wurde in diesem Hause allerdings nicht froh. Als er in die Schreibstube ging, um etwas zu fragen, herrschte ihn der Feldwebel, der das Kommando über die Zehnmannbesatzung führte, an: „Nix Deutsch.“ Seine Geste hieß unmissverständlich: raus!

Der Markenmeister war allerdings in einem ungünstigen Moment gekommen. Die Soldaten waren gerade dabei, die Gardinen von den Fenstern der Direktorenwohnung abzunehmen und zu verstauen.
Grober hatte Pech, kurz darauf wieder auf den Feldwebel zu stoßen. Es war auf dem Flur, wo ein Posten mit geschultertem Gewehr auf und ab ging.

Der Feldwebel, offenbar nicht mehr ganz nüchtern, sprach plötzlich deutsch. Er wies mit dem Zeigefinger auf Groberts Bärtchen auf der Oberlippe und brüllte: „Du Hitler, du Nazi. Du Revolver haben; raus mit Revolver!“
„Ich habe keinen Revolver“, beteuerte Grober.
Aber darum ging es dem Amerikaner offenbar gar nicht. Er kam auf Grober zu, packte ihn mit seinen derben Fäusten und stieß ihn durch die offene Haustür die Treppe hinunter.

Grober erwischte im Fallen glücklicherweise noch das Geländer, so dass er mit heilen Rippen unten ankam. Er raffte sich auf und stürzte in Richtung Park davon, wo er zunächst hinter einem Baum Deckung suchte.
Er hörte den Feldwebel hinter sich toben. Als er auch einige Soldaten an der Treppe sah, die ihre Gewehre durchluden, schlug er sich durch den Park bis zur Zeche durch, obwohl der Feldwebel wiederholt rief, er möge ins Haus zurückkommen.
Direktor Fröhlich riet Grober, die Unterkunft im Haus wieder aufzugeben. Grobers Frau war jedoch noch in der Wohnung. Sie musste irgendwie herausgeholt werden.

Fahrsteiger Erich Weber, dem der Untertagebetrieb anvertraut war, stellte zehn Mann zusammen, die mit Hackenstiel bewaffnet in die Villa des Direktors zogen. Sie begegneten zum Glück keinem Amerikaner.
Die nachgiebige Haltung von Direktor Fröhlich war in jenen Tagen ein Gebot der Klugheit. Unter den Truppen sind immer welche, bei denen die Kugeln locker sitzen. Im Übrigen stand es ja unmissverständlich genug in den Direktiven Eisenhowers: „Alle Personen in dem besetzten Gebiet haben unverzüglich und widerspruchslos alle Befehle und Veröffentlichungen der Militärregierung zu befolgen. Gerichte und Militärregierung werden eingesetzt, um Rechtsbrecher zu verurteilen. Widerstand gegen die alliierten Streitkräfte wird unnachsichtig gebrochen.“

Die anderen Wanne-Eickeler Zechen hatten das, was sich auf der Königsgrube abspielte, schon hinter sich. Zuerst besetzten die Soldaten Unser Fritz 3-4 und zuletzt die Königsgrube.Auf Shamrock 3-4 stellte sich Bernhard Hamelmann als erster vor der Belegschaft. Er war noch aus der alten Garde des Bergarbeiterverbandes, der vor 1933 gewirkt hat. „Kameraden“, rief er, „jetzt weht ein anderer Wind. Jetzt wird nicht mehr von oben nach unten regiert. Die Diktatur ist zu Ende. Über unsere Kohlen bestimmen wir jetzt mit.“

Er sagte weiter, dass es nun darauf ankommt, den Betrieb unter einer demokratischen Betriebsführung wieder aufzunehmen. „Wir brauchen also zuerst einen neuen Betriebsführer!“ Auf Shamrock war es in der tat nicht die Militärregierung, sondern die Belegschaft, die Fahrsteiger Anton Kettendörfer als ersten Untertagebetriebsführer einsetzte.

Im Rathaus bemühte sich indes der Kommandant, Mr. Burr, sein Dolmetscherteam weiter auszubauen. Fräulein Kohl, die schon am 9. April im Bunker hinter der Sparkasse angegangen worden war, entschloss sich am 10. April, doch mitzumachen. Sie hatte sich darüber mit Dechant ten Hompel unterhalten. Er ermutigte sie, weil es ja nicht nur darum ging, Befehle und Anordnungen weiterzugeben. Er meinte, ohne Dolmetscher könnte ja auch die Bevölkerung kein Anliegen an die Militärs herantragen.


















Rathaus Wanne-Eickel - Rathausstraße 6.
Das Eingangsportal ist zur Heinestraße hin ausgerichtet. Darüber befindet sich im 1. Obergeschoss der Ratssaal mit Balkon. Die Aufnahme wurde um 1953 aufgenommen.


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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt. Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 12 ff.
Fotonachweis: Bildstelle der Stadt Herne


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